Das digitale Magazin für Kunst in Theorie und Praxis

Issue #1: Isolation

Editorial

Liebe Leser*innen,

in einer Zeit, wie dieser, in der wir uns von einer Ungewissheit in die nächste stürzen und uns neuen Herausforderungen gegenüber sehen, gilt es die Potentiale, die Veränderungen mit sich bringen zu entdecken und auszuschöpfen. frame[less] ist aus dem Wunsch entstanden, genau dieses Reservoir an Möglichkeiten zu nutzen und dabei Verbindungen zu erschaffen, die oftmals durch starre Rahmen und Konzepte verborgen bleiben. Als digitales Magazin für Kunst in Theorie und Praxis ist es unser Anliegen einen fruchtbaren Nährboden zu kreieren, auf dem sich vermeintlich distinktive Konzepte gegenseitig beeinflussen können. Dabei ist es der digitale Raum, der uns zur Verfügung steht und den wir nutzen wollen, um diesen Austausch anzuregen. frame[less] möchte eine Plattform bieten, die im Gegensatz zum klassischen Bilderrahmen keine Abgrenzung erzeugt, sondern einen, der permeabel ist und immer wieder gesprengt und neu zusammengesetzt werden kann. Deshalb freuen wir uns euch unsere erste Ausgabe präsentieren zu können, die mittels verschiedener Positionen von Künstler*innen und Autor*innen einen offenen Rahmen entstehen lässt, den es aus unterschiedlichen Perspektiven zu durchblicken gilt. 

Bahnhof-Balkon, 2020

Die digitale Zeichnung Bahnhof-Balkon ist unmittelbar während des ersten Lockdowns der Corona-Pandemie entstanden. Diese Isolation forderte uns auf den Alltag in den eigenen vier Wänden zu bestreiten, völlig abgeschottet und allein, während die Welt draußen im Stillstand verharrte – oder doch nicht? Der Blick vom Bahnhof-Balkon zeigt, dass mit dem Blickwechsel auch eine völlig neue Sicht auf die Dinge zum Vorschein kommen kann. (...)

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Poesie der Isolation bei Angelo Morbelli. Il natale dei rimasti von 1903, 2020

 

Die Bilder des um 1900 arbeitenden, italienischen Künstlers Morbelli könnten in der Darstellung isolierter Menschen im Altersheim nicht aktueller sein. Morbelli verfolgt jedoch keine dokumentarische Strategie, um auf Missstände seiner Zeit aufmerksam zu machen, sondern er erhebt Isolation in den Stand einer künstlerischen Poetisierungsstrategie.

Stories during Lockdown, 2020

 

Das Tagebuch als Medium bewegt sich zwischen langer künstlerischer Tradition, intimer Selbstreflexion und Dokumentation.

Die kurzen Notizen werfen uns zurück in die Vergangenheit. Die Worte oszillieren zwischen Sinnlichkeit, Intimität, Verletzlichkeit und Humor. Alltägliches wird poetisch, formt Bilder in unserer Vorstellung mit denen wir uns möglicherweise identifizieren und Brücken zu eigenem Erlebten schlagen können.

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Der Selbsterhaltung überlassen, 2018

 

Die Arbeit Der Selbsterhaltung überlassen umfasst kurze Beobachtungen der Künstlerin. Auf visueller und sprachlicher Ebene beschreibt sie autobiografisch angelegt flüchtige Kontakte. Man nimmt an anderen Realitäten teil, die dem*der unbestimmten Protagonist*in fremd scheinen und identifiziert sich damit. Es entsteht eine Spannung zwischen Einfühlung und Abgrenzung, Inklusion und Isolation. Die Ich-Perspektive und die Kamera-Einstellung begeben sich in die Rolle der Voyeuristin. Die Vergänglichkeit der Bilder kann analog zur Unfähigkeit über den kurzen Kontakt hinaus zu gehen gelesen werden.

Eine Frage des Framings - Francis Bacon und die Narrative der Pandemie, 2020

 

Der zweiteilige Essay untersucht die unterschiedlichen Narrative der aktuellen Coronapandemie und vergleicht sie mit den von Susan Sontag an Tuberkulose und Krebs zugeschrieben Eigenschaften der Erkrankten. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden anschließend auf die Kunst ausgeweitet. Am Beispiel Francis Bacons erörtert die Autorin, unter Einbeziehung der Theorien Gilles Deleuze, die Folgen auf die zeitgenössische Wahrnehmung der Gemälde. Dabei wird der Isolation in den Werken eine zentrale Rolle zugeschrieben.

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Vergessene Lichter, 2020

„Minus 10 grad, doch wir müssen raus
wie ‘ne Katze die Auslauf braucht
im Haus ist es schön, warm ist es auch“ 

Es erwartet mich jedoch keine Clubtür. Es sind auch keine Betrunkenen auf dem Weg zur Partymeile, keine tiefer gelegten Schlitten, die vorbei brummen, oder sonstige Autos auf den Straßen. Es ist eine geheimnisvolle und zugleich melancholische Stille zu spüren. Die Einsamkeit, die wir in der Covid-19 Pandemie erfahren, spiegelt sich im öffentlichen Raum wider. (...)

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Das gesprochene Wort hat im Vergleich zum geschriebenen Text abweichende Qualitäten und Wirkungen: Wir können die Augen schließen und unsere Vorstellungskraft walten lassen. Die Stimme ist stets gekoppelt an ein Individuum. Sie vermittelt eine Stimmung und eröffnet Beziehungsgeflechte – auch zum Zuhörer. Die Stimme kann während eines Textes variieren, sich von der Handlung distanzieren oder Nähe zulassen. (...)

 

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Isolation, 2020

 

In der malerischen Serie Isolation verarbeitete die Künstlerin zunächst ihre persönliche und private Beklemmung angesichts des Lockdowns im Frühjahr 2020. Sie portraitierte zunächst sich selbst, dann ihren schulpflichtigen Sohn. Als Inspirationsquelle kamen die Erlebnisse ihres Umfelds hinzu und größere Formate entstanden mit der Rückkehr ins Atelier. Die Gemälde zeigen menschliche Köpfe die räumlich eingeschränkt und eingeengt wirken. Aufgelöst sind die Figuren mit verzerrter Mimik in Glasbausteinen oder technischen Elementen, die an Fernseher und Smartphone erinnern.

IsoLoosion – Adolf Loos’ Das Schlafzimmer meiner Frau, 2020

 

Anhand des Schlafzimmerentwurfs von Adolf Loos für seine Ehefrau wird die Rolle der Frau in der Wiener Moderne verhandelt. Das Schlafzimmer wird sexuell aufgeladen und gleichzeitig mit einem Käfig verglichen. Dabei wird eine Analogie zwischen dem Taktilen und dem Weiblichen gezogen und Loos' Abneigung gegenüber dem Ornament hinterfragt. Die Autorin arbeitet ein wiederkehrendes Muster in dem Zurschaustellen von Loos' Angebeteter heraus. Loos’ Raumgestaltungen können dabei Machtstrukturen herstellen und eine Imagination bedienen.

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Speaking to the City, 2020

 

Aufnahmen verschiedener urbaner Räume Weimars werden von einem Dialog zwischen den Künstlerinnen begleitet, der die Wahrnehmung der Stadt aus der Perspektive zweier Migrantinnen beleuchtet. In Verbindung mit den Fotografien und dem Text stellt die künstlerische Arbeit einen Zusammenhang zwischen dem öffentlichen, städtischen Umfeld, dem Innenraum sowie dem eigenen Körper her und kommuniziert Bedürfnisse, die durch soziale und architektonische Einschränkungen unerfüllt bleiben. 

Slave to the Rythm. Patrick Angus' Darstellungen der schwulen New Yorker Subkultur, 2020

 

Die Bilder des amerikanischen Malers Patrick Angus führen uns mitten in die Szenelokale der schwulen New Yorker Subkultur der 1980er Jahre. Eines der Charakteristika dieser Werke ist deren Betonung einer Atmosphäre von Einsamkeit und Isolation. Das gezielte Inszenieren dieser pessimistischen Stimmung und die Anreicherung seiner Werke mit einer emotionalen Schwere stehen bei Angus jedoch einer rein dokumentarischen Schilderung des Geschehens entgegen. 

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Buchantwort, 2020

 

Die Arbeit Buchantwort geht auf eine langjährige Auseinandersetzung mit Deniz Yücel zurück. Der Journalist war wegen des Vorwurfs der Terrorpropaganda fast ein Jahr lang in Untersuchungshaft in der Türkei. Seine Erfahrungen publizierte er 2018 in dem Buch Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Pirmin baute bereits für seine Masterarbeit die Zelle Yücels im Maßstab 1:1 nach. Bei einer Lesung begegneten die beiden sich persönlich. Yücel hinterließ eine Widmung in Pirmins Ausgabe. Buchantwort ist die daraus resultierende E-Mail an den Autor und Aufarbeitung des Künstlers. Die Arbeit zeigt die mehr oder weniger lose beziehungsweise intensive Verbundenheit der beiden Personen und ihrer Werke auf sprachlicher wie visueller Ebene. Eine Antwort gab es nicht.

苦盡甘來 (gojinkamle), 2020

 

Ein geometrischer Tisch, eckig und gläsern, gibt den Blick auf einen organisch geformten Baum im Inneren frei. Die stählernen Streben des Tisches stehen im Widerspruch zu den amorphen aus Kupfer geformten Ästen des Baumes, bilden jedoch in ihrer Gesamtheit eine Einheit.

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You are your own prison, my dear, 2020

In der jetzigen Zeit erfahren wir Isolation als einen von außen auferlegten und notwendigen Zustand. Dieser Zustand bringt für jede*n von uns neue Erfahrungen, sowohl positiv als auch negativ und zwingt unweigerlich zu einer Beschäftigung mit uns selbst. Doch wie steht es um Menschen, denen Isolation nicht fremd und neuartig, sondern ein selbst erwählter Zustand ist? Lena Keller führt uns in ihrer vierteiligen Arbeit sehr eindrücklich und intim vor Augen,  wie sich die bewusste Selbstisolation auf den psychischen Zustand und das soziale Verhalten eines Menschen auswirken kann.

Isolation als Hierarchisierungsprinzip im Historiengemälde des 18. Jahrhunderts, 2020

Der Text hinterfragt zunächst den Begriff der Isolation und schlägt den Begriff der Micro-Isolation für ein subtiles Hierarchisierungsprinzip in Historiengemälden des 18. Jahrhunderts vor. Die bedeutende Rolle des*der Protagonist*in wird herangezogen um die Funktion der Hierarchisierung in Historiengemälden für ihre Narration zu erklären. Die Micro-Isolation des*der Protagonist*in wird als Lesehilfe verstanden, die den Betrachtenden die Komposition des Werks offen legt.

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Isolation, 2020

Adiellas digitale Arbeit zeigt menschliche Figuren, die in Embryonalstellung in einem Tablettenblister eingeengt sind. Damit verleiht sie gleichzeitig der medizinischen Notwendigkeit der Isolation, wie auch den damit einhergehenden Gefühlen der physischen Bedrängnis durch die soziale Distanz, Ausdruck. Sie arbeitet mit der Kombination gesättigter Komplementärfarben und verwendet Texturen, welche die Oberfläche ihres Bildes verzerren.