Unter der Haut der Stadt

Daniel Kuhnert & Joshua Guiness

Die Arbeit Unter der Haut der Stadt dokumentiert das Erleben infrastruktureller Hohlräume unter den Straßen Berlins, die Daniel Kuhnert und Joshua Guiness bei Expeditionen in die dunklen unterirdischen Gänge erkunden. Die literarischen Auszüge spiegeln dabei eine Auseinandersetzung mit der phänomenologischen Erfahrung von Grenzüberschreitungen, die sie dabei durchlaufen.

Ich sehe nichts, stehe auf einer Treppe, weiß nicht wie groß der Raum ist, von hinten Geräusche, mein eigenes Echo? Ok, ich bin alleine. Was ist das? Taubenkot? Menschenkot? Egal, die Füße rauf, es ist nur Erde, halb so wild, zur Ruhe kommen, umgucken, hier geht‘s nicht weiter.“


Im Innern von Betonbrücken, Autobahnpfeilern und Kanalisationsschächten verbirgt sich ein Netzwerk aus Hohlräumen. Die massiven Infrastrukturbauten unserer Städte sind hohl. Hunderttausende Kubikmeter umbaute Luft, eingeschlossen in Stahlbeton, bilden ein Patchwork losgelöster Interieurs ohne jeglichen Bezug nach Außen. Eine gänzlich unsichtbare Ebene der Stadt schlummert innerhalb ihrer festen grauen Materie vor sich hin. Diese unsichtbare Welt kommt einer Art Unterbewusstsein der Stadt gleich. Sie ist das, was per Definition immer unter der Oberfläche bleibt, deren Existenz nicht einmal wahrgenommen wird. Eine Welt, die nur Dunkelheit und Dreck beherbergt. Im Innern wohnt das Verdrängte, Vergessene, Unbekannte.


„Ich bin bedeckt mit Schmutz und Taubenkot. Um die Taubenskelette haben sich Maden gesammelt, die mittlerweile auch tot sind.“


Sie mäandrieren nomadisch umher. Sie durchqueren Beton, schneiden durch die gerasterte Substanz der Stadt und lösen aktiv ihre Barrieren auf, indem sie neue Passagen durch sie erfinden. Alle Ebenen der Stadt bespielen! Ihre weichen, fragilen Körper dienen ihnen als Instrumente der Erschließung: verbiegen sich, schmiegen sich dem Stein an, klettern, kauern und kriechen. Mittels Werkzeug werden sie zu Cyborgs. Das Überqueren physischer Barrieren ist hier auch das Überqueren des normativen Konstruktes dessen, was ein Körper kann, darf und wie er zu domestizieren ist. Die Betonhaut unserer Stadt markiert die Trennung der zivilisierten Gesellschaft und der feindlichen, unerschlossenen Kehrseite in ihrem Inneren. Beginnt man diese Haut als eine Schwelle zu begreifen, überschreitet der Körper das Sittliche, Ergonomische und setzt sich dem Feindseligen, dem Abgeschiedenen aus. Neue Räume benötigen neue körperliche Praktiken. Die Eroberung des Ungewissen ist immer auch ein Schritt ins Wilde, der den Körper in ein prekäres Umfeld versetzt – und manchmal unverhoffte Freizügigkeit gewährt.


„Meine Knie sind vom Kriechen wund. Hier sind mit Feuerzeug kyrillische Namen an die Decke geschrieben worden.“


Der Blick schärft sich. Sie scannen, filtern, kartieren. Hinterlassen Symbole, schaffen eigene Mythen. Man wird Tier: Mit geschultem Blick für die spezifischen Zeichen und Lücken in der Umgebung erschließt man sich ein Habitat. Dieses Immer-auf-der-Hut-Sein steht komplett im Gegensatz zum ruhenden Zustand, den uns das warme, sichere Wohnzimmer erlaubt. Alles bleibt gleich und doch sieht man mehr von der Welt – von dem in potenzieller Reichweite: Durch neue Referenzen der Wahrnehmung wird die Stadt größer. Wissensbestände wachsen und ermöglichen neue Handlungsspielräume, neue räumliche Praktiken, neue Routinen. So wie sich Stück für Stück das eigene Milieu ausdehnt, erweitert sich auch der mentale Möglichkeitsraum.


„Meine Augen tränen vom Staub. Trotz FFP2 muss ich husten.“


Staub und Feuchtigkeit. Das, was nicht ist. Die leblose Härte und der mineralisch kalte Geruch des Erdreichs, verschlungen von der totalen, referenzlosen Dunkelheit eines unendlichen Bunkers. Es ist im Sommer kühl, im Winter lau. Ein toter Raum ohne wahrnehmbare Fluktuation, in dem das Schwarz festgefroren im Raum hängt und Jahre im Stillen vergehen. Die Negation der Reizüberflutung der hochfunktionalen Gesellschaft: der Lichter und Farben, der Zeichen und Aufforderungen. Abgekapselt davon schärfen sich die Sinne und neue Dimensionen von Raum treten hervor. In der erblindenden Dunkelheit verschieben sich die sinnlichen Gewichtungen und der Mensch versetzt sich wieder in einen Zustand des Hellwachseins.


„Hier ist es so groß, dass jede meiner Bewegungen ein Echo auslöst, das ich einem nichtexistenten Anderen zuordne.“


Durch die Aneignung dieser Hohlräume wird Bedeutung geschaffen: Die abweisendste, inhumanste Umgebung wird plötzlich zu einem Milieu für das Leben gemacht – man überwindet seine eigenen Sitten. Hohlräume gewähren Unsichtbarkeit. Schutz vor den erwartungsvollen Augen anderer, Rückzug vor dem alles durchdringenden Netz der Überwachung, Ausnahme von den Zwängen zivilisatorischer Konventionen. All das schafft ein Innen für das, was von Außen nicht geachtet wird. In der kartierten, kontrollierten Stadt bleibt nichts dem Zufall überlassen. Der rationalisierte Funktionalismus kollidiert jedoch mit der Realität dieser Welt und gebärt dadurch Lücken, Risse, Geheimverstecke. An der Stelle größter Ausnutzung und Geschwindigkeit faltet sich die Oberfläche unserer gebauten Umwelt um sich selbst und umschließt dabei ungewollt Blasen. Das Netzwerk dieser Freiräume bildet eine Stadt in, unter und über der Stadt. Im Zeitalter der Gleichzeitigkeit, dem allumfassenden, vor nichts Halt machenden Außen, bietet nur noch der Hohlraum im Inneren einen Moment der Stille. Im Auge des Sturms ist man frei. Ein Archipel des Widerstands schwillt bereits innerhalb unserer trägen Masse. Das Andere ist in uns.


„Mein Rücken schmerzt, die Decke ist zu niedrig. Das (einzige) Licht meiner Kopflampe wird schwächer.“

Daniel Kuhnert studiert im Master an der TU in Berlin Soziologie mit einem besonderen Interesse für Raum- und Organisationssoziologie. In seiner Freizeit ist er professioneller Flaneur. Joshua Guiness ist Architekt, ausgebildet in Berlin, Madrid und Zürich. Derzeit liegt sein Interesse in der Entwicklung von Gegen-Narrativen zur herkömmlichen Lesart von Stadt und Raum, um bestehende Machtverhältnisse zu hinterfragen.