PLÄDOYER ÜBER DIE ABWESENHEIT

 

Es ist kurz nach halb acht und ich sitze in der Tram, die voll besetzt ist mit morgendlichen Pendler*innen. Einige von ihnen halten Pappbecher oder Thermoskannen mit Kaffee in den Händen. Die Fensterscheiben sind beschlagen und die Heizung ist viel zu warm eingestellt. Während ich eine Nachricht in mein Handy tippe, geht ein junger Mann sehr schnell an mir vorbei und murmelt: „Das kann doch nicht sein... 8... 9... 10 von euch starren auf eure Handys.“ Er geht immer wieder die Länge der Tram nach auf und ab und hält sein Plädoyer über unsere Abwesenheit. Einige Leute haben – wie ich, das Handy weggesteckt. Fühlen sich ertappt. „Alter, auch wenn ich keine 3... 4... 5 Euro habe, bin ich trotzdem reicher als ihr.“ Dabei starren fast alle betreten auf den schneematschbesprenkelten Boden. Nach ein paar Augenblicken, in denen der Mann hin- und hertigert, heben einige ihre Köpfe, schauen sich gegenseitig an und fangen an zu schmunzeln – sie bilden eine Einheit, versuchen aus dieser Situation zu entfliehen. Sie können nicht aussteigen, sie müssen zur Arbeit, zum Kindergarten, zur Schule fahren. Und ich sitze neben diesen Menschen, fühle mich feige und stumm, weil ich auch nicht aussteigen kann, um der Situation zu entgehen, weil ich auch auf mein Handy geschaut habe, weil ich diesem Mann nicht folge bei seinem energischen Hin- und Hergehen, weil er die Wahrheit sagt, obwohl er dabei verrückt aussieht, weil seine Hose um seine Beine schlackert und man seine schmutzige Unterhose sehen kann, weil die Menschen in dieser Tram sich entschieden haben ihn zu ignorieren und weil ich, während ich dort saß, schon an diesen Text dachte.

erschrift 2

Nora Manthei,

Der Selbsterhaltung

überlassen, 2018

TIEFDRUCKGEBIET MIT MÄNNLICHEM VORNAMEN

 

In der Nacht hat es gestürmt. Äste, Blätter und der Müll aus den gelben Tonnen, die umgekippt sind, liegen vereinzelt auf der Straße. Ich gehe früh am Morgen mit dem Hund über die Kreuzung, die zur Zeit wegen Gleisbauarbeiten gesperrt ist. Die Baustellenabsperrungen liegen wie Hindernisse bei einem missglückten Hürdenlauf auf dem Asphalt. Es ist immer noch sehr windig. Irgendwo kann man Metall knallen hören. Ein jugendlicher Mann spricht mich an und fragt nach dem Weg. Ich verstehe den Straßennamen nicht – weil er stark nuschelt – und schüttele den Kopf. Ich will schon weitergehen, als mir einfällt, welche Straße er meinen könnte. Er kommt ein paar Schritte zurück und zieht einen Zwanzig-Euro-Schein aus der Tasche. Auf dem Geldschein ist der Name der Straße mit blauem Kugelschreiber notiert. An den ausgefransten Rändern hängen ein paar weiße Krümel. Ich erkläre ihm den Weg und gehe weiter in die andere Richtung.

 

WARTEN

 

Es fühlt sich an wie drei Sonntage hintereinander. Sie haben die Heizung im Fernsehraum hochgedreht. Die Frau am Tisch mir gegenüber, fragt mich, ob auch Deutsche mitfahren würden. Draußen im eingezäunten Garten ist eine Bank. Neben der Bank steht ein Haltestellenschild mit dem aktuellen Busfahrplan. Ich sage, ich kenne mich nicht aus mit Autorennen, aber bestimmt fahren auch Deutsche mit. Ich trinke aus der Tasse mit dem dünnen Kaffee und schwitze in meinen Pullover.

ICH HABE MEINEN EID GEBROCHEN

 

Der Türöffner summt und ich betrete das Wohnhaus. Meine Schuhe hinterlassen nasse Flecken auf den bunten Fliesen. Ein Mann Ende vierzig öffnet die Tür der Erdgeschosswohnung. Der Reißverschluss seiner Hose steht offen und die ebenfalls geöffnete Gürtelschnalle klingelt ganz leise, wenn er sich bewegt. Er nimmt das Paket für seinen Nachbarn entgegen und unterschreibt mit der linken Hand in ordentlicher Schreibschrift. Herr Triebfürst fragt, ob er Post bekommen hat. Aus der Wohnung dringen gedämpft Fernsehergeräusche und heiße, muffige Luft lässt meine Brillengläser beschlagen.

SCHAUM

 

In der Oberstufe habe ich einen Sommer lang als Bar­keeperin in einer Diskothek gearbeitet. Das war eine Zeit, als Flatrate-Saufen noch angesagt war und wir viele Eis­würfel in die Gläser füllen sollten, um an Alkohol und Energydrinks zu sparen. Einmal im Monat gab es eine Schaumparty. Ich zog meine Gummistiefel zur Arbeit an und musste darauf achten, dass kein Schaum über die Theke schwappte. Je später der Abend wurde, des­to überschwänglicher betätigte der DJ die Knöpfe der Schaumkanone. Die nackten Oberkörper der jungen Män­ner glänzten frisch rasiert im bunten Discolicht, während sie die jungen Mädchen mit ihren Mascara verschmierten Gesichtern von hinten antanzten. Vor der Theke auf ei­nem Barhocker saß ein Mädchen rittlings auf dem Schoß eines Jungen. Ich konnte nur ihre Köpfe und Hälse und die wippenden Bewegungen sehen, alles andere war vom Schaum verborgen. Als ich gegen acht Uhr morgens die Diskothek verließ und meine Gummistiefel auszog, hat­te ich einen roten Ausschlag an den Beinen, dort wo die Gummistiefel meine Haut nicht bedeckt hatten.