Anne Volk

Raumfahrt in der Kunst – die künstlerische Rezeption der Mondlandung 1969.

Als Neil Armstrong 1969 als erster Mensch den Mond betritt, beendet er nicht nur den Wettlauf ins All, sondern erweitert damit ebenfalls den menschlichen Wirkkreis auf den Weltraum. Die Gründung des NASA Art Program hat vordergründig die künstlerische Rezeption von Ereignissen wie diesem zum Ziel, lässt aber ebenfalls Strategien der Heroisierung und Glorifizierung der Institution erkennen. 

„Important events can be interpreted by artists to give a unique insight into significant aspects of our historymaking advance into space. An artistic record of this nation‘s program of space exploration will have great value for future generations and may make a significant contribution to the history of American art“.[1]

   –  James E. Webb

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Abb. 1: Norman Rockwell, Astronauts on The Moon, 1966, Öl auf Leinwand, 162,2 x 101,9 cm, Washington, D.C., Smithsonian National Air and Space Museum. 

Abbildungsnachweis: Ausst.-Kat. NASA/Art. 50 Years of Exploration, Washington, D.C. (Smithsonian National Air and Space Museum) 2008, S. 54.

Erste Male beschränken sich normalerweise auf Gefühle und Ereignisse, die innerhalb der Erdatmosphäre stattfinden, doch die Mondlandung im Jahr 1969 überschreitet diese lokale Eingrenzung und erweitert den Ort des Geschehens auf den Trabanten der Erde. Aufgegriffen wird dieses Erste Mal nicht nur in den Massenmedien der Zeit, sondern auch innerhalb der bildenden Kunst. So etabliert die NASA bereits 1962 das NASA Art Program, das sich der künstlerischen Dokumentation der Fortschritte innerhalb der Behörde widmet, wie James E. Webb, NASA-Administrator und Begründer des NASA Art Program, oben erläutert.[2] Neben der Apollo 11-Mission und deren Astronauten stehen auch die vorangegangenen und sich anschließenden Missionen im Interesse des Kunstprogramms.[3] Gegenstand dieses Textes soll jedoch die künstlerische Rezeption der Mondlandung 1969 innerhalb des NASA Art Programs bilden. Gleichermaßen soll damit auf die interessante Verbindung von Kunst und Wissenschaft aufmerksam gemacht werden, da sich das Kunstprogramm – zumindest in Deutschland – als weitgehend unbekannt herausstellt.

 

Rückblickend ist die Mondlandung wohl eines der fortschrittlichsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts. Hervorgerufen durch den Wettlauf ins All zwischen der damaligen Sowjetunion und den USA und durch John F. Kennedys nationalem Ziel, einen Menschen in den 60er Jahren zum Mond und wieder zurück zu befördern, erlangt das Sujet im Kontext der sogenannten Apollo 11-Mission große mediale Aufmerksamkeit.[4] Neben dem Interesse an der Forschung ist die Machtdemonstration der beiden Weltmächte ein wichtiger Bestandteil des Wettlaufs, die den globalen Systemwettstreit während des Kalten Krieges auf die Eroberung des Weltraums ausdehnen.[5]

Vier Jahre nach der Gründung der NASA 1958 wird das zugehörige Art Program etabliert.[6] Intendiert wird dabei, dass die Werke des Kunstprogramms neben der großen Menge an fotografischem Material der NASA eine andere Sichtweise auf die Ereignisse liefern, dadurch eine bildende Funktion einnehmen und auch den nachfolgenden Generationen dienen sollen.[7] Teilnehmende Künstler*innen waren verpflichtet vor Ort angefertigte Zeichnungen aufzubewahren und in das Archiv der NASA zu übergeben, wodurch die Institution über das Œuvre verfügen konnte.[8] So erhielten ausgewählte Kunstwerke Einzug in Ausstellungen der National Gallery of Art in Washington, D.C. wie Eyewitness to Space (1965) und The Artist and Space (1969), wobei letztere nach der Mondlandung stattfand. In den 1980er und 1990er Jahren wurde das Programm durch Hunderte von Auftragswerken ergänzt und der Bestand im Jahr 2008 in das neu gegründete Smithsonian National Air and Space Museum überführt.[9] Diese Sammlung zeichnet sich durch Facettenreichtum hinsichtlich der künstlerischen Techniken als auch der Sujets aus, wobei alle Werke generell der Space Art zugehörig sind.[10] Hinsichtlich des Wettlaufs ins All scheint eine propagandistische Absicht der USA und der NASA im Kunstprogramm nahezuliegen. Tracee Haupt vermutet, die Gründung des Programms würde auf Image-Gründen der Institution fußen und die Kunst als Vermittlungsinstanz zwischen Raumfahrt und Bevölkerung dienen, um Zweifeln und Ängsten hinsichtlich der Technik und des finanziellen Aufwands entgegenzuwirken.[11] Dafür spricht der Standort des Smithsonian National Air and Space Museums, das sich unmittelbar neben dem Kapitol in Washington, D.C. befindet. Die dort ausgestellten Artefakte und Kunstwerke nehmen einen repräsentativen und bildenden Charakter zugunsten der USA ein.  

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Abb. 2: Norman Rockwell, Behind the Apollo 11, 1969, Öl auf Leinwand, 71,1 x 167,6 cm, Washington, D.C., Smithsonian National Air and Space Museum.

Abbildungsnachweis: Ausst.-Kat. NASA/Art. 50 Years of Exploration, Washington, D.C. (Smithsonian National Air and Space Museum) 2008, S. 64–65.

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Unter diesem Gesichtspunkt fällt auf, dass die Heroisierung von Astronaut*innen und erfolgreichen Ereignissen oft eine Rolle in den Arbeiten des NASA Art Programs spielt. Die Erstmaligkeit der Mondlandung manifestiert sich wiederholt in der Rezeption der amerikanischen Flagge, die stellvertretend für Neil Armstrongs und Edwin „Buzz“ Aldrins Platzierung der Flagge auf dem Mond stehen kann und damit die amerikanische Vorherrschaft in der Raumfahrt gegenüber der Sowjetunion bezeugt.[12] Diese Annahme wird durch Norman Rockwells (1894–1978) Gemälde Astronauts on the Moon (1966, Abb. 1) und Behind the Apollo 11 (1969, Abb. 2) bestätigt. In Astronauts on the Moon ziert die Flagge gemeinsam mit der Aufschrift UNITED STATES die Mondlandefähre des Raumschiffs zentral im Bild. Hier muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Gemälde das tatsächliche Ereignis der Mondlandung vorwegnimmt – es entstand schon im Jahr 1966 – und daher einen werbenden Charakter für das nationale Ziel innehat. Zudem dient das Gemälde dazu den Betrachtenden eine Vorstellung zu vermitteln, wie das technische Ereignis später aussehen könnte und steht damit in der Tradition der Space Art. So ist es nicht verwunderlich, dass Astronauts on the Moon starke visuelle Ähnlichkeiten mit der tatsächlichen Mondlandung aufweist, die drei Jahre später stattfindet. Die Flagge an Neil Armstrongs linker Schulter (1. Person links) in Behind the Apollo 11 erinnert eher an ein reales, im Wind wehendes Star-Sprangled Banner als an einen der Aufnäher, die Astronaut*innen auf ihren Raumanzügen tragen.[13] Der Hintergrund des Gemäldes ist in zwei Sphären teilbar. So befinden sich die Astronauten, dem dunklen Sternenhimmel nach zu urteilen, schon im Weltall. Die nach links aufsteigende Staffelung der Männer unterstützt die Vorwärtsbewegung hin zum Mond, der sich durch den hellen Schein an ihren Helmen andeutet.[14] Über den anderen Personen lichtet sich der Himmel und am rechten oberen Bildrand sind Gebäude des Kennedy Space Centers sichtbar.[15]

Die Personen in Behind the Apollo 11 sind im Profil dargestellt und können in verschiedene Gruppen unterteilt werden, die jeweils durch bestimmte Attribute gekennzeichnet sind. Laut dem Titel handelt es sich um Personen, die hinter der Apollo-11-Mission stehen und für deren Gelingen Verantwortung tragen. Gleichwohl stehen sie auch räumlich hinter den drei Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Micheal Collins, die durch ihre Raumanzüge gekennzeichnet und am linken Bildrand positioniert sind.[16] Durch ihre realistischen Gesichtszüge können sie zweifelsfrei identifiziert werden. Unter der Astronautengruppe reiht sich ihre Backup-Crew, die durch ihre unvollständige Bekleidung und ihre Positionierung im Gemälde ausgezeichnet ist. Durch die Einteilung in Gruppen und deren gestaffelte Positionierung hinter den Astronauten entsteht eine Hierarchie innerhalb des Gemäldes, die innerhalb mancher Gruppierungen fortgesetzt wird. So führt Armstrong als erster Mensch, der den Mond betritt, die Astronautengruppe als auch generell die Personen an. Ihm folgt Aldrin als zweiter Mensch auf dem Mond. Hinter den beiden steht Collins, der zwar der Mission zugehörig ist, jedoch im Kommandomodul des Raumschiffs auf die Rückkehr der beiden Astronauten wartet, statt selbst den Mond zu betreten.[17]

Im Zentrum ist eine Reihe von Männern dargestellt, deren Vorderster eine Kopfbedeckung trägt, die auf seine Tätigkeit als Wissenschaftler verweist. Die anderen Personen zeigen signifikante Gesichtszüge, die sie in manchen Fällen als spezifische Personen ausweisen. Inmitten dieser Gruppe und damit im Zentrum des Gemäldes lässt sich die Physiognomie des deutschen Raketenwissenschaftlers Wernher von Braun ausmachen. Der Mann rechts neben ihm kann als Kurt Debus, der ehemalige Direktor des Kennedy Space Centers, identifiziert werden. Die Gruppe setzt sich also aus administrativen Personen der NASA und wichtigen Wissenschaftlern des Raumfahrtprogramms zusammen. Vereinzelte Personen mit weißen Schutzhelmen zwischen den Gruppen repräsentieren, dem Logo der NASA nach zu urteilen, technische Mitarbeitende der Raumfahrtbehörde.

Die drei Frauen unten rechts deuten laut ihrer Physiognomie auf die Frauen der drei Astronauten der Apollo-11-Mission hin. Sie stehen hinter ihnen und blicken stolz zu ihnen hinauf, wodurch ihre Unterstützung visualisiert wird. Gleichwohl verweist ihre Darstellung auf ihren Status. Frauen sind hier als die rückenstärkende Instanz dargestellt, nicht aber als Partizipantinnen des Raumfahrtprogramms. So sind sie einerseits als Astronautinnen sowie als Künstlerinnen im NASA Art Program in der Minderheit und nehmen erst Jahre oder sogar Jahrzehnte später daran teil. Trotz der russischen Kosmonautin Walentina Tereschkowa, die schon 1963 und damit nur zwei Jahre nach Yuri Gargarin ins All fliegt, sind Astronautinnen in der Raumfahrt der 1960er Jahre unterrepräsentiert.[18] So fliegt Sally Ride als erste amerikanische Frau 1983, also erst 21 Jahre nach dem ersten amerikanischen Mann, ins All.[19]

Neben Behind the Apollo 11 gehen aus Rockwells Teilnahme am NASA Art Program zwei weitere Gemälde hervor, die durch ihre Modernität des technischen Sujets im Kontrast zu seinen gewöhnlichen Illustrationen der alltäglichen amerikanischen Gesellschaft stehen.[20] Dennoch schlägt sich vor allem der patriotisch anmutende Charakter, der viele seine Werke kennzeichnet, besonders in Behind the Apollo 11 nieder. Das Gemälde nimmt damit einen repräsentativen Charakter ein, der den Erfolg der Raumfahrtbehörde mit der Bevölkerung Amerikas verknüpft. Ebenso stützt das Logo der NASA, dessen Präsenz auf die Institution verweist, diese Annahme.

Abb. 3: Franklin McMahon, “The Eagle has Landed!”, 1969, Wasserfarben auf Papier, 55,9 x 76,2 cm, Washington, D.C., Smithsonian National Air and Space Museum.

Abbildungsnachweis: Hereward Lester Cooke und James Dean: Eyewitness to Space. Paintings and Drawings related to the Apollo Mission to the Moon. Selected with a few Exceptions, from the Art Program of the Nation Aeronautics and Space Administration (1963 to 1970), New York 1971, S. 226.

Neben Rockwells Werken existieren Darstellungen, die weniger inszeniert erscheinen und Einblicke in die Arbeit innerhalb der Raumfahrtbehörde liefern. Das Gemälde "The Eagle has Landed!“ von Franklin McMahon (1921–2012) thematisiert die Mondlandung aus einer anderen Perspektive (Abb. 3). Der Titel verweist auf den Moment, als Armstrong die bekannten Worte „the Eagle has landed“ ausspricht. Wie der Inschrift rechts zu entnehmen ist, wird gezeigt, wie der Astronaut die Mondlandefähre verlässt und als erster Mensch den Mond betritt. Links daneben ist ein komplexer Bildschirm dargestellt, der die Mondoberfläche zeigt.[21] Im Vordergrund sind wissenschaftliche Mitarbeiter der NASA zu sehen, die gespannt das Geschehen beobachten.[22] Ein Kameramann und eine Überwachungskamera dokumentieren die Situation. Das Gemälde eröffnet den Betrachtenden einen interessanten Einblick in das Geschehen und lässt uns den Moment aus der Perspektive der Mitarbeitenden erleben. Zwar liegt der Fokus auf dem Astronauten Neil Armstrong, dennoch ist seine Person kaum detailliert abgebildet. Ein kleines und dennoch wichtiges Detail befindet sich am rechten Bildrand: eine eingerollte amerikanische Flagge, die der Künstler in die Darstellung integriert. Sie kann, wie zuvor erläutert, auf Armstrongs Platzierung der Flagge auf dem Mond referieren –  eine Handlung, die auf den dargestellten Moment folgt. Aus einer dokumentarischen Fotografie wird zwar ersichtlich, dass die eingerollte Flagge während des Moments tatsächlich vor Ort war und nicht vom Künstler hinzugefügt wurde, dennoch handelt es sich um eine bewusste Entscheidung, das Detail in das Gemälde zu integrieren (Abb. 4).[23] Genauso hätte McMahon den Bildausschnitt weiter nach links verschieben können, um mit einem größeren Ausschnitt der Mondoberfläche mehr technische Informationen in sein Gemälde aufzunehmen. An dieser Stelle ist zu überlegen inwiefern die Werke des Kunstprogramms einen Mehrwert gegenüber Fotografie und Video erbringen, denn sowohl das Kunstwerk als auch die Fotografie fangen die Stimmung der Beteiligten ein und liefern einen Einblick hinter die Kulissen.

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Abb. 4: Das Kontrollzentrum während der Landung von Apollo 11, Fotografie, 1969.

Abbildungsnachweis: James Donovan: Apollo. Der Wettlauf zum Mond und der Erfolg einer fast unmöglichen Mission, München 2019, S. 72ff.

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Abb. 5: James Wyeth: Firing Room, 1969, Wasserfarben auf Papier, 45,7 x 63,5 cm, Wash-ington, D.C., Smithsonian National Air and Space Museum. 

Abbildungsnachweis: Hereward Lester Cooke und James Dean: Eyewitness to Space. Paintings and Drawings related to the Apollo Mission to the Moon. Selected with a few Exceptions, from the Art Program of the Nation Aeronautics and Space Administration (1963 to 1970), New York 1971, S. 195.

James Wyeths (*1946) Firing Room (1969) ruft einen ähnlichen Eindruck hervor. Das Kunstwerk gibt den Blick auf einen großen Raum frei, in dem viele Personen an diversen Computern und Bildschirmen arbeiten. Sie wenden den Betrachtenden den Rücken zu (Abb. 5).[24] Die Details in der Darstellung nehmen zum Hintergrund hin immer weiter ab, bis die Köpfe der Personen nur noch durch dunkle Flecken zwischen ihren Bildschirmen angedeutet sind. Bunte Punkte verweisen auf diverse Lämpchen und Knöpfe, wie sie am Arbeitsplatz rechts im Vordergrund erkennbar sind. Der Raum verschwimmt nach hinten zu einer dunklen Masse, ein Exit-Schild leuchtet im Hintergrund und hebt sich davon ab. Generell wirkt das Gemälde um einiges beruhigter als die Atmosphäre, die McMahon in „The Eagle has Landed!“ einfängt. Der abgedunkelte Raum, der eigentlich nur aus Maschinen besteht, lenkt den Blick auf die Arbeitenden. Gegensätzlich zu Rockwells Behind the Apollo 11 entsteht durch die Perspektive auf die Personen eine gewisse Anonymität, wodurch sie, wie bei McMahon, nicht identifizierbar sind. Sie können in ihrer repräsentativen Funktion höchstens mit den anonymen Arbeiter*innen mit Helmen zwischen den bekannten Persönlichkeiten bei Rockwell gleichgesetzt werden. Durch ihre Arbeit, die nicht in der Öffentlichkeit steht, treten sie neben den oftmals heroisierten Astronaut*innen in den Hintergrund. Kunstwerke wie „The Eagle has Landed!“ und Firing Room zeigen die Arbeitsatmosphäre auf und offenbaren den Betrachtenden einen Bereich, der für die Ausführung der Raumfahrtmissionen elementar ist. Auch wird hier noch einmal mehr bewusst gemacht, dass hinter einigen repräsentativen Charakteren eine große Menge an Mitarbeitenden steckt, die die Raumfahrt erst ermöglichen. Anders als bei Rockwell oder McMahon werden in Firing Room weder bestimmte Personen noch Institutionen durch Symbolik aufgegriffen und es findet keine patriotische Werbung statt.

 

Robert Rauschenberg (1925–2008) nutzt eine andere Form der Dokumentation, indem er mit Hilfe seiner für ihn typischen Technik mehrere Abbildungen collagenhaft in seinen Lithografien vereint. Aus seinen Beobachtungen vor Ort und dem Zugriff auf das Fotoarchiv der NASA entsteht zwischen 1969 und 1970 die Stoned Moon Series, deren Gegenstand die Mondlandung ist. Die Serie umfasst insgesamt dreiunddreißig Lithografien und wird im Gemini G. E. L. in Los Angeles hergestellt.[25]

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Abb. 6: Robert Rauschenberg, Local Means (Stoned Moon), 1970, Lithografie, 82,2 x 110 cm, New York, Robert Rauschenberg Foundation.

Abbildungsnachweis: Robert Rauschenberg Foundation New York, URL: https://www.rauschenbergfoundation.org/art/artwork/local-means-stoned-moon (20.09.2020).

Abb. 7: Robert Rauschenberg: Sky Gardens (Stoned Moon), 1969, Lithografie, 226,7 x 106,7 cm, Washington, D.C., Smithsonian National Air and Space Museum.

Abbildungsnachweis: Ausst.-Kat. NASA/Art. 50 Years of Exploration, Washington, D.C. (Smithsonian National Air and Space Museum) 2008, S. 75.

 
 
 
 

Die Lithografie Local Means (Stoned Moon) von 1970 ist dieser Serie zugehörig und zeigt den Start der Rakete im Zentrum, umgeben von Ausschnitten der Landschaft um das Cape Canaveral (Abb. 6). Die Collage ist in verschiedene Ebenen gegliedert, die sich gegenseitig überlagern und durch bemalte Stellen ergänzt werden. Der weiße Grund ist mit organisch geformten blauen Flächen und dunkelgrauen bis schwarzen Elementen technischer Sujets, wie Details aus Fotografien der Rakete auf der Startrampe (links), des Starts selbst (mittig) und eines Reihers (rechts), bedeckt. Rauschenberg verbindet das technische Sujet mit der Natur, die den Raketenstart umgibt und erstellt damit eine fast poetisch anmutende Kompilation. Die Raketen stehen parallel zu der Darstellung des Reihers, der sie sogar in der Größe leicht überragt und in der Inszenierung besonders der Rakete neben ihm gleicht. Beide Objekte sind von Wasser und Pflanzen umgeben und recken sich senkrecht in die Höhe. Eine Assoziation der Rakete mit dem flugfähigen Tier liegt hier nahe.[26] Auch zuvor nutzt Rauschenberg diesen Vergleich. In seinem Stoned Moon Book schreibt er über den Start der Rakete:[27]

 

„On a grassy hill seeing for the first time perched

Apollo projecting calm, quiet and upright.

[…]

The bird’s nest bloomed with fire and clouds.

Softly. Largely and slowly and silently

Apollo 11 started to move up.

Then it rose being lifted on light.

Standing mid-air it began to sing happily“[28]

 

Rauschenberg assoziiert die wolkenförmige Explosion während des Raketenstarts mit dem Nest eines Vogels und beschreibt die Rakete nach ihrem Start als fröhlich singend. Dieser Vergleich entspricht einem Euphemismus des Donnerns und Dröhnens eines Raketenstarts und übersetzt das technische Sujet in die Natur, wodurch die scheinbar in der Luft stehende Rakete durch die Ähnlichkeit mit dem Habitus eines Vogels poetisiert wird. 

Local Means taucht in derselben Anordnung auch in seinem früheren, oft rezipierten Werk Sky Gardens (Stoned Moon) von 1969 auf (Abb. 7).[29] Der Fokus liegt hier auf einer Konstruktionszeichnung der Saturn 5-Rakete, die für die Mondlandung eingesetzt wurde. Sie erstreckt sich über das ganze Bild und mag für das lange horizontale Bildformat ausschlaggebend sein. Die rote Farbe, die die Rakete umgibt, lässt sich zusammen mit dem oberen blauen Bildteil mit den Farben der amerikanischen Flagge assoziieren. Unterstützt wird dieser Vergleich durch die rot-weiß gestreiften Elemente links im Bild, bei denen es sich wahrscheinlich um den wallenden Stoff von Fallschirmen handelt. Im Vergleich zu den oben betrachteten Beispielen wird die Flagge so auf eine indirekte Art und Weise in das Kunstwerk integriert.

Eine genaue Betrachtung von Sky Gardens hilft dabei ein Element von Local Means identifizieren zu können. In beiden Lithografien ist eine runde Plakette zu erkennen. Während das Motiv in der letzteren Darstellung nur leicht zu erahnen und an manchen Stellen übermalt ist, lässt die genauere Ausführung bei Sky Gardens Rückschlüsse auf die Identität des Objekts zu. Die runde Scheibe trägt oben die Inschrift FROM PLANET EARTH und unten das Datum JULY 1969 und stellt die Plakette der sogenannten Apollo-11-Goodwill-Botschaften dar. Dabei handelt es sich um eine Silikon-Scheibe von der Größe eines 50-Cent-Stücks, die auf dem Mond hinterlassen wurde und Aussagen von Führungspersönlichkeiten aus 73 Ländern der Welt enthält. Die Nachrichten wurden um das Zweihundertfache verkleinert und auf die Plakette geprägt, sodass sie auf der Scheibe lediglich kaum sichtbare Punkte bilden.[30] Aufgrund dessen ist eher von einer symbolischen Intention auszugehen. Die beiden Lithografien bestehen aus vielen verschiedenen Komponenten der Apollo-11-Mission, der auch die Plakette zugehörig ist.

Betrachtet man Rauschenbergs Lithografien im Vergleich mit Werken wie Firing Room, wird deutlich, wie unterschiedlich vermeintlich dokumentarische Darstellungen über dasselbe Ereignis sein können. Während Wyeth das Raumfahrtprogramm aus der Perspektive der wissenschaftlichen Mitarbeiter präsentiert, ist Rauschenbergs Darstellung direkt auf die Bestandteile der Mondlandung fokussiert. So gehen die Lithografien der Stoned Moon Series über eine reine Momentaufnahme hinaus und liefern einen Eindruck des Ereignisses der Mondlandung in seiner ganzen Komplexität. Die künstlerische Inszenierung übersteigt dabei die dokumentierende Fotografie in ihrer ästhetischen Kraft.

Das NASA Art Program, das auch heute noch besteht, existiert nun in einer anderen Form und ist inaktiver als in den Jahren um die Mondlandung. Zwar haben sich seitdem die Techniken und Möglichkeiten der Dokumentation stets weiterentwickelt, dennoch ist auch heute noch der künstlerische Blick auf das Thema der Raumfahrt von Relevanz. Circa sechzig Jahre nach der Gründung des Programms ist es wünschenswert, dass im Kontext vorangeschrittener Forschung auch das Kunstprogramm einen neuen Zuwachs erhält und Künstler*innen Zeug*innen weiterer Erster Male werden können, wie beispielsweise von der möglichen Marslandung, die sich nach und nach abzeichnet. 

Der Astronaut Michael Collins verweist auf ein Problem der künstlerischen Rezeption in den astronautischen Wissenschaften, das auch beim Ersten Mal der Mondlandung 1969 besteht.

 

„So far, artists have remained stuck on the ground […]. I am looking forward to the day when the artists will be able to look out of the astronauts window, and share the breathtaking view […] the artist must join the astronaut in space […]”.[31]

 

Es bleibt zu hoffen, dass in der Zukunft Künstler*innen die Möglichkeit bekommen, ihren Arbeitsraum auf das Weltall auszudehnen und dadurch eine neue, noch interessantere Verbindung von Wissenschaft und Kunst resultieren kann.

 

 

[1] James Dean: The Artist and Space, in: Interdisciplinary Science Reviews 3 (1978), S. 244–259, S. 245.

[2] Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration, Washington, D.C. (Smithsonian National Air and Space Museum) 2008, S.7.

[3] Im Mai 1963 beginnt das Programm mit der Dokumentation des letzten Mercury-Fluges des Astronauten Gordon Cooper. Vgl. Dean 1978, S. 251.

[4] Vgl. Roger Launius und Bertram Ulrich: NASA & the Exploration of Space. With Works from the NASA Art Collection, New York 1998, S. 70.

[5] Vgl. André Hensel: Geschichte der Raumfahrt bis 1970. Vom Wettlauf ins All bis zur Mondlandung, Berlin 2019, S. XI.

[6] Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 8. – Das Einladungsschreiben an die Künstler*innen, vor Ort Skizzen und Gemälde anzufertigen, sollte das Interesse wecken, da keine hohe finanzielle Vergütung zu Verfügung stand. Vgl. Dean 1978, S. 245. – Laut diesem war der Stil der Künstler*innen kein entscheidender Faktor für die Auswahl der NASA. Dennoch dominiert vor allem zu Beginn des Programms die figürliche über der abstrakten Malerei, da laut Aussage der NASA "[…] das Material hier abstrakt genug ist."

Vgl. Tracee Haupt: The NASA Art Program: Technology, Art, and Contested Visions of Progress, 1962–1973, in: Quest – The History of Spaceflight Quaterly 24/1 (2017), S. 5–16, S. 9. – Für die Möglichkeit einer unmittelbaren Dokumentation stellt das Programm Gruppen aus eingeladenen Künstler*innen zusammen, die während wichtiger Ereignisse Zutritt zu diversen Einrichtungen der Institution erhalten, um Gemälde herzustellen oder Skizzen und Fotografien zur Vorbereitung ihrer Werke anzufertigen. Vgl. Dean 1978, S. 253. 

[7] Hierbei mag zudem die unzureichende Haltbarkeit des fotografischen Dokumentationsmaterials von Bedeutung sein, während die Bildende Kunst mit der entsprechenden Aufbewahrung und Pflege eine längere Haltbarkeit garantiert. Vgl. ebd., S. 245. – Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 8.

[8] Vgl. Haupt 2017, S. 10.

[9] Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 8. – Schon 1969 bekundete Cooke, das Kunstprogramm stünde aufgrund der Finanzierung und anderer Faktoren kurz vor dem Ende. Auch Dean verweist 1973 rückblickend auf die generell schlechte Unterstützung des Kunstprogramms durch die NASA und auf die andauernde Tendenz, trotz den Erfolgen, die es für die NASA einbrachte, den Wert des Programms herunterzuspielen. Später im selben Jahr, nachdem dem Lagerraum für Kunstwerke einer anderen Verwendung zugeführt wurde, empfahl Dean das Kunstprogramm offiziell zu beenden und die Kunstwerke in das neu eröffnete Smithsonian National Air and Space Museum zu überführen. 1977 sollte das Programm im Zusammenhang mit dem Space-Shuttle wiederbelebt werden, jedoch in anderen Ausmaßen als zuvor.

Vgl. Haupt 2017, S. 14.

[10] So können die Kunstwerke nach Manila der sogenannten Space-Age-Art angehören, die auf der Erde hergestellt werden und die astronautische Forschung miteinbeziehen oder aus Materialien der Raumfahrt gefertigt sind. Zudem stimmen Eigenschaften der Werke mit Carolls Kategorisierung der Astronomical Art überein. Die Kunstwerke stützen sich auf wissenschaftliche Daten, Aspekte der astronomischen Forschung und deren Fortschritte. Space Art, die schon in Jules Vernes Werken De la Terre à la Lune (1865) und Autour de la Lune (1870) vorkommt, wird zur Illustration von Romanen verwendet. Auch ist sie der Visualisierung wissenschaftlicher Theorien dienlich, um Laien eine bessere Vorstellung zu vermitteln. Im NASA Art Program liegen den Darstellungen indes keine literarischen Vorlagen zugrunde, sondern entstehen vielmehr durch die Beobachtung der Technik, Landschaft und der Ereignisse vor Ort. Vgl.  Dean 1978, S. 244f.

[11] Haupt bekundet die tendenziell negative Konnotation mit der Technik nach dem zweiten Weltkrieg und der drohenden Gefahr des nuklearen Aufrüstens im Kalten Krieg, während zuvor im Jahrhundert der Industrialisierung Technologie mit Fortschritt und utopischen Idealen assoziiert wurde. Die NASA und der Wettlauf zum Mond ließen daher ernsthafte Zweifel an der Idee aufkommen, Technologie als vorteilhaft zu betrachten. Durch die künstlerische Vermittlung von Einblicken in die Institution dient das Kunstprogramm der Öffentlichkeitsarbeit der NASA, um dem negativen Image entgegenzuwirken. Vgl. Haupt 2017, S. 5, f. 

[12] In diesem Kontext stellt sich ferner die Frage, ob diese Symbole durch die NASA beauftragt sind oder von den Künstler*innen selbst in die Kunstwerke eingeflochten werden, denn das Star-Sprangled Banner und das Logo der NASA finden sich tatsächlich auf technischen Gegenständen und Raumanzügen.

Auch dieses Gemälde entsteht vor der tatsächlichen Landung auf dem Mond 1969, da es schon im selben Monat im Look-Magazine als Foldout publiziert wurde.

[13] Vgl. Henry Keazor (Hrsg.): We are all Astronauts. The Image of the Space Traveler in Arts and Media, Berlin 2019, S. 21.

[14] Durch die räumliche Aufteilung werden die Tätigkeitsbereiche der Personen definiert. 

[15] Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 64.

[16] Vgl. James Donovan: Apollo. Der Wettlauf zum Mond und der Erfolg einer fast unmöglichen Mission, München 2019, S. 2.

[17] Vgl. Ernst Probst: Frauen im Weltall. Biografien berühmter Astronautinnen und Kosmonautinnen, Norderstedt 2010, S. 57.

[18] Auch wenn es inzwischen mehrere Astronautinnen gibt, war noch immer keine Frau, gleich welcher Nation, auf dem Mond und noch keine deutsche Frau im All. Vgl. ebd., S. 39f.

[19] Der amerikanische Künstler Norman Rockwell ist für seine Arbeit als Illustrator bekannt. Sein Œuvre kann als patriotisch und amerikanisch-gesellschaftlich betitelt werden. Mit mehr als 322 Titelbildern der Saturday Evening Post und vielen weiteren Illustrationen zeigt Rockell alltägliche und realistisch gemalte Szenen eines idealisierten amerikanischen Lebens. Vgl. Francis Frascina: The New York Times. Norman Rockwell and the new patriotism, in: Journal of Visual Culture 2 (2003), S. 99–130, S. 100f. – Neben den beiden thematisierten Werken entsteht Grissom and Young (1965) Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 32.

[20] Vgl. Hereward Lester Cooke und James Dean: Eyewitness to Space. Paintings and Drawings related to the Apollo Mission to the Moon. Selected with a few Exceptions, from the Art Program of the Nation Aeronautics and Space Administration (1963 to 1970), New York 1971, S. 226.

[21] Soweit erkennbar sind nur Männer abgebildet.

[22] Vgl. James Donovan: Apollo. Der Wettlauf zum Mond und der Erfolg einer fast unmöglichen Mission, München 2019, S. 72ff.

[23] Auch hier scheinen nur Männer abgebildet zu sein. 

[24] Vgl. Ausst.-Kat. Robert Rauschenberg. Stoned Moon Series (Steinerner Mond), Krefeld (Museum Haus Lange Krefeld) 1975, S. 3.

[25] Die Assoziation mit einem Vogel kommt nicht von ungefähr. So ist auch die Mondlandefähre der Apollo-11-Mission mit dem Namen Eagle, also Adler, benannt.

[26] Begleitend zur Stoned Moon Series erstellt Rauschenberg ein gleichnamiges Buch mit Texten und Abbildungen, als zusätzliche Berichterstattung über seine Arbeit am Cape Canaveral. Ähnlich zu seinen Lithografien sind verschiedene Motive collagenhaft miteinander in Verbindung gesetzt. Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 10.

[27] Ebd., S. 11.

[28] Local Means bildet den oberen Teil des mit 226,7 x 106,7 cm weitaus größeren Werks Sky Gardens. Vgl. Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 75. – Sky Gardens galt während der Entstehung 1969 als die größte handgezogene Lithografie, die je hergestellt wurde. Vgl. Dean 1978, S. 254.

[29] Diese Informationen sind einem Skript der NASA News entnommen: Apollo Goodwill Messages, in: NASA News 69 – 83F (13. Juli 1969), S. 1–38, S. 1f., 4.

[30] Ausst.-Kat. NASA/ Art. 50 Years of Exploration 2008, S. 6.

[31] Tatsächlich ist ein Programm dieser Art momentan in Planung. In Kooperation mit SpaceX möchte Yusaku Maezawa im Rahmen des #dearMoon Projekts, 2023 acht Künstler*innen die Möglichkeit geben, auf einer Reise im Erdorbit neue Inspiration für ihre Werke zu sammeln. Siehe URL: https://dearmoon.earth/ (21.02.2021).